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Blutbespritzte Schürze vom Fleischhauer






In Kindheitstagen kam ich an einen Zahnarzt der für mein Gefühl wie ein Fleischhauer an die Sache heranging. Blutbespritzte Schürze und ein prahlen, dass sich der Zahn, den er vorher ziehen musste sehr gewehrt hat; einfach darauf losgebohrt hat, und als ich zubiss weil es weh tat auch noch schimpfte; dieses zubeißen dann auch noch jedes Mal wieder auf den Pranger stellte und für Kinder wohl nicht der richtige Einstieg zum regelmäßigen Zahncheck war.

Diese Erinnerungen trug ich fast 20 Jahr mit mir mit. Als zwei Zähne anfingen dahinzubröckeln, wurde die Scham vor sicher schimpfenden Zahnärzten noch größer. Die Schmerzen hielten sich Gott sei Dank bis zum vollkommenen Absterben der Zähne in Grenzen – und der Zahnarzt wurde wieder aufgeschoben.

Als sich mir heuer im Frühjahr neue berufliche Herausforderungen öffneten, wollte ich auch dem Zahnarzt den schrecken nehmen.
Es stellte sich als erstes Mal die Frage, traue ich mir den Weg zu und wie gehe ich ihn an. Über meine Zahnarztangst offen zu sprechen konnte ich noch nicht, also spitzte ich immer wieder die Ohren wenn Freunde und Kollegen über ihre Zahnärzte sprachen und durchsuchte das Web um Infos über Zahnarztangst, Zahnbehandlungsmethoden und auch Ärzte zu finden, die zu meinem Problem passen könnten.
Als ich das für mich passende Institut gefunden habe, dauerte es sicher nochmals einige Wochen bis ich mir endlich einen Termin ausmachte. Ich fand immer wieder Ausreden warum ich heute und jetzt dort nicht anrufe.
Nachdem dieser erste Schritt getan war zitterte ich dem Termin zu.

Dass ich die Nächte davor wenig und schlecht schlief, wird wohl einigen nicht unbekannt sein. Nach einem Röntgen saß ich schwitzend im Stuhl und hatte für meine Begriffe sehr viel Glück. Die Zahnärztin war sehr nett, und bevor sie überhaupt in die Nähe meines Mundes kam, fragte sie warum ich komme, ob ich schmerzen hätte, usw.
Als ich ihr dann Gestand, dass einfach meine Vernunft mich hierher triebe, ich ca. 20 Jahre diesen Gang verweigert habe, erklärte sie mir, dass sie sich als erstes nur mal ein Gesamtbild machen werde. Sie war sehr vorsichtig und erklärte auch immer, was sie tat. Sie stocherte mit dem als Kind verhassten Metallspitz auch nicht auf den Zähnen herum, sondern begutachtete mal alles mit dem Spiegel.
Das Ergebnis war weniger erschreckend für mich als erwartet. Meine zwei Füllungen aus Kindheitstagen mussten ausgetauscht werden, eine weitere kleine Kariesstelle gab es und die zwei Wurzeln von den abgebröckelten Zähnen mussten raus.
Sie baute mich auch auf, da sie meine gesunden schönen Zähne und meine Zahnpflege lobte, und meinte es sei gar nicht so viel zu machen für diese Zeitspanne. In diesem aufgebauten Zustand ließ mir an der Rezeption einen Folgetermin geben.
Die Folgetermine waren natürlich noch immer mit weichen Knien verbunden. Beim ersten Behandlungstermin wurde mal eine Füllung ausgetauscht. Die Spritze saß Gott sei Dank einfach perfekt und ich spürte wirklich nichts Schmerzhaftes. Die Ärztin sagte mir immer, was ich spüren kann und werde – auch das gab Vertrauen. Nachdem die Füllungen erneuert waren, ging es bei der nächsten Sitzung dem ersten Zahnrestes an den Kragen. Auch hier wieder, wurde mir erklärt dass ich einen Druck spüren werde, sollte ich einen stechenden Schmerz verspüren soll ich sofort die Hand heben. Ich vertraute ihr immer mehr und mehr, und so wurden die Schweißausbrüche und Toillettenbesuche vor den Terminen weniger.

Ich bin noch immer nicht die sonst so übliche Plaudertasche wenn ich einen weißen Kittel sehe, doch die Besuche werden leichter.
Als sich mir die Frage stellte ob die Lücken mit einer Brücke oder Implantat geschlossen werden sollen, stand ich vor einer Frage die ich für mich nicht so schnell entscheiden konnte. Meine Zahnärztin macht selber keine Implantate, daher musste ich mich in neue Hände begeben.
Konnte ich einem neuen Arzt auch so viel Vertrauen schenken?
Nachdem ich den Kostenvoranschlag für 2 Brücken in Händen hielt, entschied ich mich nach ein paar Tagen auch einen Kostenvoranschlag für Implantate einzuholen. Also neuen Termin bei neuem Arzt.
Schlaflose Nacht und die Zeit im Warteraum verging wieder einmal so gar nicht.
Am Stuhl sitzend schwitzte ich wie beim ersten Mal, stammelte nur das notwendigste und bekam dann – von einem ebenso wenig redseligen Zahnarzt – die Kostenvoranschläge ausgehändigt.
Seine Diagnose: „Implantate sind bei Ihnen kein Problem, können wir gerne machen“. Ich überlegte nicht lange, und fixierte den OP-Termin für in ca. 3 Monaten. Einzige Voraussetzung war, dass ich vor der OP auch noch eine Mundhygiene überlebe.

Die meisten Menschen in meiner Umgebung lehnen die Mundhygiene beim Zahnarzt weitgehend ab, da sie dies als zusätzliche Geldmacherei vom Zahnarzt sehen, und der Zahnstein auch so vom Zahnarzt entfernt wird. Der andere Teil geht zur Mundhygiene, weil sie für mich in die Klasse „Hypochonder“ oder Paradontosepatienten fallen. Ich wollte mich in keine dieser zwei Schubladen zwängen, daher war der Gang dorthin noch schwerer.
Nachdem ich die Sitzung überstanden habe, kann ich nur sagen – man überlebt es. Es war sicher unangenehmer als die Zahnarztbehandlungen davor, aber auch nicht so schlimm dass ich es für immer meiden würde.

Die Nacht vor der OP war wiedermal schlaflos. Der Temin war für die Mittagszeit angesetzt und ich versuchte mich im Büro so gut es ging mit Arbeit abzulenken. In der Klinik wurde ich ohne Wartezeit gleich in den Behandlungsraum gebeten. In den laufenden 2-3 Stunden traf ich auf lauter nette, ruhige Assistentinnen die mich begleiteten. Es wurde alles erklärt was in welcher Reihenfolge passiert, es wurde immer wieder gefragt ob es mir gut ginge und oft einfach nur zugelächelt wenn ich verängstigt war. Die OP selbst war schmerzlos und alle Ängste die ich hatte waren unberechtigt.
Die austrocknenden Lippen und die Zunge machten mir am meisten zu schaffen – und nein, man spürt wirklich nichts. Auch das Bohren oder Schrauben überträgt sich nicht wie beim Kariesbohren auf den restlichen Kopf.
Die nächsten Tage durfte ich fast täglich zur Wundkontrolle und zum Lasern antreten.
Die Nachwehen von der OP hatte ich mir Gott sei Dank gar nicht vorgestellt, sonst hätte ich vielleicht mehr gezweifelt ob die OP die richtige Lösung ist. Es folgten ein Miss Piggy-Face, ein gefühlter Muskelkater im Kiefergelenk in Kombination mit den Schmerzen von einem blauen Fleck, und stechenden Nahtfäden im Mund.
Nach einer Woche war ich guter Hoffnung die Nähte entfernt zu bekommen, da mir Suppen und Faschiertes bereits zum Hals raushingen. Wann kann ich wieder in einen Apfel beißen, Salat essen oder einfach von einem Brot herzhaft abbeißen? Leider war meine Hoffnung verfrüht, denn es dauerte ca. 10 Tage bis ich diese von mir bezeichneten Weihnachtsgirlanden im Mund los war.

Jetzt heißt es einfach 6 Monate abwarten, bis die nächsten Schritte getan werden.
Ich freue mich nur unbändig darüber, dass ich für mich es von der ersten Terminvereinbarung bis hierher geschafft habe. Seitdem Zeitpunkt ist es auch ganz leicht über meine jahrelange Zahnarztangst zu sprechen – und siehe da, man merkt dass man nicht alleine ist. Die Nächte vor den Terminen sind nun nicht mehr durchwacht und auch die anderen Anzeichen von Nervosität und Unwohlsein sind gewichen. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mit einem Lächeln auf den Lippen den Weg in die Praxis antrete.
Vielen lieben Dank, dass Sie das mit anderen Patienten hier mitgeteilt haben.

Es bleibt zu hoffen, dass dies dazu beiträgt, dass mehr Menschen ihre Angst überwinden.

Alles Gute weiterhin!
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